Zwischen Katechismus und Parteidokument: Eine Genregeschichte von Religion und Politik im frühen 19. Jahrhundert

Abstract

In den 1830er und 1840er Jahren formierten sich europaweit Protestbewegungen, deren politische Forderungen eng mit der Frage nach der gerechten zukünftigen Gesellschaft verknüpft waren. Religionsgeschichtlich greifbar wurde dieser sozialutopische Diskurs in den Profildiskussionen der in dem revolutionären Klima entstehenden frühsozialistischen Bewegung/en. Ihre Programm-dokumente verhandelten sowohl die Grundlegung der zukünftigen Gesellschaft als auch das Wesen der neuen Bewegung. Gestritten wurde im Format des Katechismus. Dieser Artikel untersucht die Kommunikationskreisläufe von über 40 Katechismen und Glaubensbekenntnissen aus Frankreich, dem Vereinigten Königreich, den Staaten des Deutschen Bundes sowie der Schweizerischen Eidgenossenschaft in ihrem sozial- und kulturhistorischen Kontext. Mittels polizeilicher Verhörprotokolle, Kongressmitschriften und Rundschreiben, Korrespondenzen, persönlicher Briefe und Erinnerungen von Beteiligten wird nachgezeichnet, wie die Religionsfrage ins Zentrum der frühsozialistischen Identitätsdebatte rückte. Im Zuge dieser Debatte begann sich die Verhältnisbestimmung von Christentum und Kommunismus als Verhältnisbestimmung von Religion und Politik zu konturieren, ohne dass dabei scharfe Grenzen gezogen wurden. Die Analyse zeigt auf, wie Alltagsunterscheidungen, wahrgenommene Uneindeutigkeiten des katechetischen Formats sowie ein aufkommender Genrezweifel die moderne Differenzierung von Religion und Politik präfigurierten. Anschließend an religionswissenschaftliche Forschungen zu Säkularität wird hier ein Zugang zu vorbegrifflich bleibenden Differenzierungen entwickelt, der die epistemologischen Voraussetzungen expliziter Grenzziehungspraktiken untersucht.

https://doi.org/10.26034/fr.argos.2025.8895
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