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Abstract
Die Aushandlung von Wissenschaftlichkeit ist keineswegs auf innerakademische Debatten und den theoretischen Höhenkamm beschränkt. Was als „wissenschaftlich“, „sachlich“ oder „unparteiisch“ gilt, erfährt eine entscheidende Zuspitzung im Kontext politischer, kultureller und religiöser Fragen zum Zeitgeschehen. Der Artikel zeichnet Umrisse und Hintergründe einer Debatte nach, die 1905 und 1910 auf den Kolonialkongressen in Berlin geführt wurde. Diese Debatte war vordergründig der Frage gewidmet, wie der Islam als kultureller Faktor einzuschätzen sei. Wichtige Schlagworte der Debatte waren u.a. „Islamgefahr“ und „Islampropaganda“. Ob der Islam eine Religion im modernen Sinne sei, galt keineswegs als ausgemacht. Die Forderung einer Trennung von Staat und Politik und der Ruf nach Religionsfreiheit als Bedingung ‚kultureller Hebung‘ blieben nicht ohne Widerspruch. Umgekehrt wurde im Islam eine Alternative zur als dekadent erachteten Zivilisation Europas gesehen. Strittig war aber auch, wie sich politische, religiöse und wissenschaftliche Interessen in der Debatte zueinander verhalten. „Unwissenschaftlichkeit“ und „Parteilichkeit“ fungierten auch hier als Kampfbegriffe, um gegnerische Argumente zu diskreditieren.

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